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Test: Darkest Dungeon

Heart Attack Imminent!

Meine letzte Fackel erlischt. Meine Gruppe und ich marschieren in tiefster, alles verschlingender Finsternis, weiter durch die verfluchten Abwasserkanäle, die ekelerregende Fäulnis tragen. Mary „The Hellion“ und Jack „The Highwayman“ haben die Strapazen nicht gut verkraftet. Der letzte Kampf vor einigen Augenblicken hat ihnen den letzten Lebenswillen geraubt. Mary hat Wahnvorstellungen und versucht uns gelegentlich anzugreifen. Jack hingegen zieht sich insich zurück und verweigert sogar die Heilung unseres Arztes. Ich überlege, ob ich den Auftrag abbreche. Der Proviant geht uns ebenfalls aus. Wir haben jedoch nicht einmal die Hälfte von dem geschafft, was wir uns vorgenommen hatten. Sind wir zu unvorbereitet aufgebrochen? Das unaussprechliche Grauen, dass uns erwartete, war nicht vorherzusehen. Und nichts könnte uns auf den Wahnsinn vorbereiten, der vermutlich noch vor uns liegt. Wir kämpfen gegen Vergiftungen, Krankheiten und Klaustrophobie. Unsere bisherige Beute entschädigt uns nicht einmal ansatzweise, noch deckt es die Kosten für unsere Ausrüstung. Wir müssen jedoch erfolgreich sein, damit wir dem zyklopischen Untreiben und dem fürchterlichen Fluch, der nicht nur auf unserem Anwesen, sondern auch auf dem umliegenden Dorf liegt, ein Ende bereiten und diese Provinz wieder zu altem Glanz führen können; damit das Feuer unserer Schmiede wieder lodert und Stahl formt, damit das Kloster die Bewohner und Reisende wieder auf Gottes Wege führt, die Taverne wieder Frauen, Spiel und Ausschank anbieten und unser Gildenhaus mutige Abenteurer aus fernen Orten ausbildet. Aber zu welchen Preis?

Wie oft trieb mich dieses Spiel an den Rand des Wahnsinns, während sich die virtuellen Gräber meiner Helden auf dem Heldenfriedhof füllten. Dieses “Nur noch diesen einen Quest”-Gefühl lässt einen nicht mehr los, wenn man erstmal in die verdammt atmosphärischen Dungeons hinabsteigt, in füchterlich gut handgezeichneten und animierten Kämpfen die Gegner zur Strecke bringt, Loot aus dem Dungeon holt und damit sein Hamlet und seine Helden verbessert. Begleitet von einem Erzähler, der das Geschehen wie eine Theaterszene wirken lässt.

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Zu Beginn des Spiels hat man nur eine etwa handvoll Abenteurer mit unterschiedlichen “Quirks”, “Traits” (also Macken und Begabungen) und Kampffertigkeiten. Nach jedem Quest, egal ob abgeschlossen oder abgebrochen, kommen weitere wagemutige und größenwahnsinnige Helden mit der Karavane in das Heldenlager. Die Karavane lässt sich wie vieles verbessern, so dass wir später mehr Helden für unseren “Roster” zu verfügung haben oder gleich zu Beginn stärkere Helden bekommen. Doch egal wie viele Helden zur Auswahl stehen und wir aufgenommen haben, man kann nur und muss genau vier Helden auf einen Quest mitnehmen.

Und hier sollten nicht nur die Fähigkeiten eines jeden Einzelnen sich mit den jeweils anderen Fähigkeiten ergänzen, sondern sogar die Persönlichkeit. Das spielt besonders dann eine Rolle, wenn sich durch etliche Strapazen einige Quirks, also negative Eigenheiten wie Platzangst, Kleptomanie oder Paranoia eingestellt haben. Diese können sich nämlich auch die Level-Aufstiege entwickeln. Generell ist die Erfahrung eines Helden äußerst bedeutsam und maßgeblich für seine Stärke und Stress-Resistenz. Dennoch lässt einen das oft sehr zufällige Ergebnis hin und wieder unzufrieden zurück, wenn durch ein Level-Up eine neue Macke hinzukommt, die sich nur gegen viel Geld beseitigen lässt.

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Denn die Behandlung der Eigenarten im Sanatorium sind kostspielig. Und vor allem dauert es Zeit. Helden, die zum Stressabbau in die Taverne oder ins Kloster geschickt oder psychologisch behandelt werden, stehen für wenigstens einen nächsten Quest nicht zur Verfügung. Hier ist es also sinnvoll, tatsächlich eine große Auswahl an Ersatzhelden zu haben. Ähnlich wie in XCOM sollte man sich jedoch nicht zu sehr auf seine Lieblinge konzentrieren und darf die anderen Helden nicht vernachlässigen. Ansonsten verheizt man seine Newbies an anspruchsvollere Quests schneller als man rage quiten kann. Und glaubt mir, das wird oft passieren!

Es müssen nämlich nicht nur Kämpfe bestanden werden, sondern der Stresslevel der einzelnen Helden muss ebenso im Auge behalten werden. Wer sein Level auf den Wert 100 steigen lässt, bekommt in den meisten Fällen ein nervliches Wrack in seiner Gruppe. Nur in den seltesten Fällen entwickeln die Helden heroische Eigenschaften. Steigt der Stresslevel weiter auf den Wert 200, könnt ihr auf dem Heldenfriedhof für den Herzinfarkt-Patienten schon mal ein Grab ausheben. Perma-Death ist angesagt! Wer Rogue-Likes wie FTL: Fast Than Light oder XCOM: Enemy Unknown im Ironman-Modus kennt, wird sofort wissen, worauf er sich einlässt.

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Während man gegen Stress nicht allzu viel tun kann, außer genug Fackeln und die eine oder andere passende Ausrüstung dabei zu haben, sieht es mit der Kampfstärke ganz anders aus. Fertigkeiten können freigeschaltet und Waffen und Rüstungen verbessert werden. Wie stark, hängt von der Stufe des jeweiligen Gebäudes ab, dessen Ausbau Ressourcen kostet, die man während der Quests oder bei deren Abschlüssen bekommt.

Doch wahllos in MMO-Manier Fähigkeiten freizuschalten, bringt einen nicht weiter. Zum einen kann man nur eine begrenzte Anzahl von Fähigkeiten aktiv haben. Zum anderen ist das tatsächliche Benutzen dieser aktiven Fähigkeiten von der Position des Helden im Kampf abhängig. Fernkampfattacken sind meistens auf den letzten beiden Positionen, Nahkampfattacken auf den ersten beiden verfügbar.

Auch bestimmte ‘Buffs’ oder Heilungsfertigkeiten sind positionsabhängig. Wenn der Gegner also durch einen geschickten Angriff eure Helden-Reihenfolge durcheinander bringt, kann der Kampf, je nach Fertigkeiten- und Charakterklassen-Kombination, ganz schnell in einem Schlachtfest enden. Und Lektionen lernt man in Darkest Dungeon auf die harte Tour. Meistens durch den Tod seiner Lieblinge. Wer dann nicht blitzschnell Alt+F4 drückt, beweist Nerven. Der Narr, der sich jedoch der Alt+F4-Versuchung hingibt, landet durch das permamente Autosave meistens genau an dem Punkt wieder, an dem der oder die Helden verreckt sind. Pro-Tipp: Harden the fuck up!

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Darkest Dungeon ist hervorragend geeignet für kurze Sitzungen (haha, “nur noch einen Quest” hat er gesagt! Er hat ja keine Ahnung...) oder endlose Abende. Der Zufallsfaktor in dem Spiel ist hin und wieder grenzwertig. Wenn der Gegner einen Crit nach dem anderen landet und damit die Stresslevel der Helden steigen lässt, sieht man sehr bald sehr alt aus. Und meistens auch ziemlich tot. Denn Darkest Dungeon ist ein Spiel der kleinen Zahlen; Zahlengewitter in hunderter, tausender Höhe (Final Fantasy) oder gar Millionen und Milliarden (Diablo 3) gibt es nicht. Zwischen 20 und 30 Trefferpunkte haben die unbedarften Helden zu Beginn. Und ein kritischer Treffer kann schon mal gut mehr als die Hälfte davon abziehen.

Neben den Kämpfen gibt es natürlich auch andere Hürden zu überwinden. Zum Beispiel Geröll oder wuchernde Plfanzen, die den Weg versperren. Hat man dann keine Schaufel dabei, steigt der Stresslevel der Gruppe. Geht man rückwärts, steigt der Stresslevel. Verringert sich die Beleuchtung, steigt der Stresslevel. Reißt sich jemand den Fingernagel ein, steigt der Stresslevel. Kurz: Nahezu alles steigert in erheblichen Maßen den Stress der Helden. Reduzierungen hingegen sind selten und wertmäßig auch deutlich niedriger. Durch die geringe eigene Einflussnahme hat man oft das Gefühl Beifahrer zu sein und vom Spiel unfair behandelt zu werden. Hier sollte wieder der oben erwähnte Pro-Tipp angewendet werden.

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Darkest Dungeon ist trotz schicker Grafik, toller Geräuschkulisse und süchtigmachendem Spielprinzip bei weitem kein Spiel für jedermann. Die Frustresistenz muss einiges wegstecken können, wer in dieser Gamer-Game-Beziehung langfristig glücklich werden will. Oder man zeigt masochistische Charakterzüge und zockt trotzdem. Es soll schließlich auch Leute geben, die sich Horrorfilme ansehen. Entschädigt wird man mit tollem und süchtig machendem Gameplay, unfassbar guten Grafiken von der Benutzeroberfläche bis zu Charakteren und Monstern und etlichen Erfolgsmomenten.

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