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Test: Horizon: Zero Dawn

Zero Tedium.

Guerrilla Games ist Sony-Liebhabern sicher schon längst bekannt, da die Entwickler sich für die PlayStation-exklusive Spielreihe Killzone verantwortlich zeichneten und dort trotz geradlinigem Gameplay mit einer vor allem im zweiten Teil gut erzählten Story, und einer atemberaubenden, visuellen Qualität aufwarteten. Mit Horizon: Zero Dawn betreten die Entwickler zwar Neuland, was Gameplay-Mechaniken betrifft, spielen aber ihre bekannten Stärken gewissenhaft aus.

Horizon: Zero Dawn

In Horizon: Zero Dawn spielen wir die junge Frau und Ausgestoßene Aloy, die von ihrem Ziehvater in der Wildnis, am Rande der Zivilisation, aufgezogen werden musste. Von Anfang an von fast jedem gemieden und schon vor ihrer Geburt als schlechtes Omen verdammt und missbilligt, beweist ihr euch in ihrer Kindheit, die als Tutorial dient und euch vieles über das Spiel erklärt, um anschließend im Erwachsenen-Alter an einer Aufnahmeprüfung teilzunehmen, deren Bestehen euch offiziell zur einer Stammesangehörigen der Nora befördert. Denn Aloy will Antworten über ihre Eltern und wahre Herkunft. Antworten, die Aloy aufgrund ihres Status verwehrt wurden. Doch während der Prüfung überschatten grausame Ereignisse die Feierlichkeiten und ihr müsst nun nicht mehr nur Aloys persönliche Interessen vertreten.

Horizon: Zero Dawn

Dialoge, Schreibstil und Inszenierung sind auf einem unfassbar hohem Niveau und das Spiel geht ein in der Spielebranche oft unliebsames Thema der Publisher an: Frauen. Denn in Aloys Welt haben die Frauen, die Erzmütter, das Sagen und unsere Heldin reagiert zum Beispiel in einem Gespräch mit einem Vertreter eines fremden Stammes völlig verblüfft, als dieser auf die Frage hin, warum es dort keine weiblichen Anführer gäbe, in Gelächter ausbricht. Eine schlüssige und sachliche Antwort, die sich nicht auf Traditionen bezieht, kann er jedoch nicht geben. Hier wurde—ähnlich wie in den aktuellen Tomb-Raider-Spielen—eine Figur geschrieben, die nicht auf weibliche Reize reduziert wird, sondern eine starke, mutige, geschickte und ihrem Weg folgende, fokussierte Jägerin.

Dennoch spielt das Aussehen eine gewisse Rolle und ist Teil der durchs Spiel etablierten Welt, wenn Aloys Erscheinungsbild ihre Herkunft als Nora verrät. Ein NPC erwähnt außerdem, dass ihr ihre Haare und Sommersprossen gefallen. Wenn wir Kleidung tragen, die speziell von einem NPC für uns zu einem besonderen Anlass gefertigt wurde und wir diese tragen, wird auch das von jenem NPC bemerkt.

Aloy Hunting Carja Outfit

Ihr spielt also nicht nur eine Figur, die lediglich als Hülle innerhalb der Welt wahrgenommen wird, um Mechanismen wie Dialoge auszuführen, sondern das Drehbuch schreibt auch Bezüge zu euren Handlungen und Erscheinungsbild.

In einigen Dialogsituationen könnt ihr als Spieler vorgeben, wie Aloy reagieren soll: einfühlsam, rational oder forsch. Angenehm auffallend ist dabei, dass es ungewohnter Weise mal keinen Balken oder Meter gibt, der uns sagt, ob Aloy eher rational oder einfühlsam handelt. Denn es hat spielerisch keine Bedeutung und ist eine rein narrative Komponente—nicht einmal Erfolge gibt es dafür. Das heißt, dass eure Entscheidungen völlig unbeeinflusst sind von mechanisierten oder künstlichen Funktionen. Ihr taucht einfach ein in die immersive Welt und agiert so, wie ihr es selbst in dieser Situation machen würdet oder meint, wie es Aloy machen würde.

Horzion: Zero Dawn Aloy Hunting

Die zahlreichen Nebenquests haben mit wenigen Ausnahmen ordentliche Geschichten zu erzählen, fangen häufig einfach in fetch quest Manier an, öffnen sich dann aber zu einem größeren Plot. Und auch in diesen Sidequests lernen wir viel über Aloys Persönlichkeit und die der anderen Charaktere. Charaktere, die Ecken und Kanten haben, entweder gute Absichten hatten und moralisch fragwürdig handeln, oder zweifelhafte Charaktere, die am Ende doch etwas Gutes tun.

Die Quests sind dabei so zahlreich, dass man schnell den roten Faden der eigentlichen Geschichte verlieren kann. Das bietet zwar viele Inhalte für den Spieler, ist aber auch schade, denn der eigentliche Plot ist gut erzählt und verdient mehr Aufmerksamkeit als er vermutlich bekommt. Über zahlreiche sammelbaren Audio- und Textlogs findet ihr viel über die Hintergrundgeschichte heraus und Zwischensequenzen füttern den Plot und führen uns narrativ von einem Ereignis zum nächsten bzw. zeigen uns die Richtung zum nächsten.

Horizon Zero Dawn Aloy Stormbird Hunt

Dabei müssen oft wahnsinnige Distanzen zurückgelegt werden, die aber wenigstens nach einmaligen Besuchen an Lagerfeuern (die als manuelle Speicherpunkte dienen) mit einer Schnellreisefunktion nach variierender Ladezeit zügig besucht werden können.

Horizon: Zero Dawn ist zugleich in Sachen Grafik das mit Abstand bestaussehenste Open-World-Spiel, was es zur Zeit plattform-übergreifend gibt. Die Vegetation ist dicht und lebendig, selbst unrelevante Nebencharaktere zeigen hervorragend animierte Emotionen und winzige Details. Die Animationen und Partikel-Effekte, wie im Wind wehende Blätter, Pollen oder Staub, wirken äußerst natürlich und andere Effekte, wie Funkenflug nach Angriffen auf die dinosaurier-artigen Roboterwesen, stellen einen schicken grafischen Akzent dar. Wer außerdem einen HDR-fähigen Fernseher oder eine PS4 Pro besitzt, kommt in den Genuss weiterer Grafikfeatures.

Aloy Artstation Character Design Horizon Zero Dawn

Was die Charakterdarstellung betrifft, geht Guerilla Games mit Fingerspitzengefühl voran und zeigt zwar auch Stereotype, die zu einem gewissen Grad für eine Geschichte unabdingbar sind, vor allem aber subtile Persönlichkeitsmerkmale. Während in einem Mass Effect eine Frau direkt und etwas plump sagt. dass sie früher unter den Namen „Stephano“ bekannt war—auf die Frage ‚was sie nach Andromeda brachte‘ und nicht ‚welche Person sie früher war und als welche sie in Andromeda bekannt sein möchte’—sind die Dialoge in Zero Dawn deutlich besser und natürlicher geschrieben. Zwei Figuren vermitteln den Eindruck wenigstens homosexuelle Tendenzen zu haben, ohne es aber weder Aloy noch dem Spieler ins Gesicht zu drücken. Was auch gar nicht notwendig ist, denn es gibt keine Option für Romanzen. Aloy hat einfach andere Sachen im Kopf und ein etwas plumper Anmach-Versuch wird von ihr schroff, aber immerhin nicht nachtragend, abgewiesen. Commander Shepards Eskapaden sind reiner Luxus.

Die Gameplay-Features, auf die wir uns konzentrieren, bestehen aus dem Sammeln von Ressourcen aus der Flora und Fauna. Maschinenteile, Tierfelle, Holz oder Pflanzen. Das meiste benötigt ihr, um Munition für eure Bögen und Schleudern herzustellen. Nebenbei ein paar Tränke oder Heilpflanzen und Zeug, um eure Vorratstaschen für Munition, Waffen, Outfits, Fallen und Tränke zu vergrößern. Ohne ein wenigstens rudimentäres Crafting-System kommt kein Spiel mehr aus. So könnt ihr auch eure Outfits und Waffen mit Modifikationen ausstatten und etwas individualisieren, was die Werte angeht.

Wer keinen Bock auf Sammeln hat, kann den meisten Kram übrigens auch kaufen. Wer abseits der Hauptwege sich etwas mit dem Jagen von Maschinen beschäftigt, wird auch keine Geldprobleme haben. Stundenlanges Grinding ist weder notwendig um die Story abzuschließen, noch um Spaß zu haben. Wer aber gerne sammelt und verstecktes Zeug sucht, wird auch gut beschäftigt—und zwar so gut, dass man ca. 55 Stunden mit Zero Dawn verbringt, wenn fast alles erledigt, was es zu erledigen gibt, ehe man den Abspann sieht.

Wenn hier also progressive Charakterdarstellung auf ein unverbrauchtes Szenario mit schnörkellosem Gameplay und cineastischer Inszenierung trifft, könnt ihr als Fan von Open-World-Adventure bedenkenlos zuschlagen. Das einzige, was den Spielspaß hemmen könnte, ist der Schwierigkeitsgrad, der selbst auf „Normal“ dem Spieler ein gutes Maß an Geschick abverlangt—vor allem dann, wenn die Kämpfe hektisch werden, was bei Kämpfen mit größeren Maschinen sehr oft passiert. Sorgfältiges Planen und Auskundschaften der Schwächen der Maschinen ist nicht in jeder Situation möglich, so dass oft einfach alles drauf geschossen wird, was irgendwie Schaden machen könnte. Das lässt euch manchmal fragen, ob man ‚es überhaupt richtig macht‘, wenn man für den ersten tyrannosaurusähnlichen „Donnerkiefer“ fast geschlagene zehn Minuten benötigt.

Schade ist außerdem, dass solch mächtige Wesen bis auf eine Ausnahme, nicht als Bossgegner eingeführt werden. Der erste Kampf mit einem Sägezahn noch als etwas Besonderes und herausfordernd präsentiert. Dass dieser Typus später als fast normale Gegnerart auftaucht, ist gar nicht mal so schlimm. You’ve been there, you’ve done that. Schon gesehen, schon gemacht; das bekommt ihr auch ein zweites Mal hin. Nur ist der Sägezahn noch längst nicht die größte und fieseste Maschine, die man bezwingen kann und später muss.

Aloy Horizon Zero Dawn Hunt Bow Outfit

Es ist natürlich nicht allzu leicht in einem Open-World-Spiel einen Neben- oder Hauptquest so zu platzieren, dass ihr auf jeden Fall cineastisch an einen solchen Gegner herangeführt werdet, ohne ihn schon vorher während eurer Streifzügen anzutreffen. Und wenn man auf die Nadelohrtechnik setzt (man führt den Spieler zu einem Ort oder Quest, den er machen MUSS bevor er weiter vorankommt in der Welt), kann das den Spieler einschnüren und auch künstlich wirken. Hier kommt man also an einem Kompromiss nicht vorbei. Aber okay, ich gebe es zu, ich suche gerade nach Kritikpunkte, was mir, bis auf die Erwähnung von einigen Glitches in den Animationen in Zwischensequenzen, äußerst schwer fällt. Da aber mittlerweile auch die Option, mit der man den Kopfschmuck der Outfits wie die Helme in Rollenspielen deaktivieren kann, nachgepatcht wurde, fällt mir wirklich nichts mehr ein.

Horizon: Zero Dawn ist erhältlich für 59,99 EUR, über PlayStation Store.


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