Bleeding Edge (PC)

Wer kennt sie nicht, die bekannten MOBAS wie League of Legends oder DOTA, Helden-Shooter wie Overwatch, Apex Legends oder Paladins. Vielleicht erinnert sich noch jemand an das mittlerweile von uns gegangene LawBreakers. Dazu wird der Multiplayer-Markt gerade von Battle-Royale-Spielen (kurz: BR) wie PUBG, Fortnite, Apex Legends und zuletzte auch Call of Duty: Warzone dominiert. Die meisten der eben genannten Spiele sind sogar kostenlos, finanzieren sich durch kostenpflichtige, kosmetische in-game Gegenstände. Wer hier mitmischen möchte, wie nun auch Ninja Theory mit Bleeding Edge, braucht ein Alleinstellungsmerkmal. Bleeding Edge wirbt mit skurrilen Charakteren und kooperativen Gameplay, kostet aber 30 EUR (oder frei erhältlich im Xbox Game Pass) und will nichts von Mikrotransaktionen wissen – alles im Spiel Freischaltbare ist kostenlos.

In meinem ersten Match wähle ich Daemon, einen schnellen Nahkämpfer mit Schwert, der ordentlich Schaden austeilt. Nach dem kurzen Tutorial, das einem alles Wichtige verständlich erklärt, bin ich zuversichtlich. Das erste Scharmützel beginnt und auch wenn ich etliche Hiebe austeilen kann, merke ich schnell, dass die vielen Gesundheitspunkte schon eine Weile brauchen, ehe sie auf null fallen. Schnell kommt Verstärkung, gegnerische, und nach ein paar schnellen Ausweichschritten, kurzen Spurts, werde ich irgendwie wieder zum Gegner gezogen. Drei Leute prügeln auf mich ein und ich gehe KO.

Nächster Versuch, gleiches Ergebnis. Ich muss etwas anders machen und wähle Gizmo als Heldin, eine Fernkämpferin. Im Tutorial hatte ich sie nicht gespielt, also fuchse ich mich kurz mit ihren Fähigkeiten ein und fange an, den Gegner aus sicherer Entfernung unter Beschuss zu nehmen. Der Schaden ist deutlich geringer als mit Daemon, dafür entkommt man Gizmo nicht so leicht. Ich konzentriere mich auf den gegnerischen Heiler, der konstant seine Kameraden am Leben hält. Als er fliehen will, schieße ich eine Granate auf ihn, der ihn zum Einschlagpunkt zieht, wieder in mein Schussfeld.

Als mich ein Gegner bemerkt und angreifen will, schmeiße ich ein Sprungbrett vor mir und springe auf eine höhere Etage, außer Reichweite von El Bastardo und seinen zwei Schwertern, aber immer noch in Reichweite um den gegnerischen Heiler unter Beschuss zu nehmen. Er fällt, und nachdem meine Kameraden nun die zwei anderen Damage-Dealer ausschalten konnten, vermöbeln wir zu viert den einzig übrig gebliebenen Tank, der nicht den Hauch einer Chance hat. Am Ende des Kampfes geben wir unsere gesammelten Energiezellen ab, ernten dafür jede Menge Punkte und nach etwa zehn Minuten können wir das Match für uns entscheiden. Nicht schlecht, denke ich. Und Laune macht es auch!

Bei Bleeding Edge handelt es sich nicht um einen Shooter, sondern um einen Brawler, in dem sich ordentlich gekloppt wird. Dabei treten zwei Teams mit je vier Spieler an, die sich für einen von zwölf Charakteren der Kategorie Schaden, Unterstützung oder Tank entscheiden. Idealerweise besteht die Teamkomposition aus mindestens je einen Charakter einer dieser Kategorien. Bleeding Edge ist ein missionsbasiertes Teamspiel, in dem es, je nach Modus und Karte, entweder darum geht, Punkte einzunehmen und zu halten (Objective Control), oder Energiezellen zu sammeln und abzuliefern (Power Collection).

Um der Sache noch eine gewisse Würze zu verpassen, laufen beide Modi in zwei Phasen ab: In Objective Control werden die Kontrollpunkte nach einiger Zeit deaktiviert und erscheinen an anderer Stelle, bleiben also nicht starr wie z.B. in Battlefield; in Power Collection gibt es abwechselnd eine Sammel- und eine Lieferungsphase. In letzterer lassen sich die Energiezellen jedoch noch von besiegten Gegnern abnehmen, was dem Team Punkte kostet und dem Eigenen einige bringt. Bonuspunkte gibt es für das Ausschalten von gegnerischen Spielern, die dann nach 15 Sekunden wieder respawnen und mitmischen dürfen. Wer aber nur auf Kills aus ist und das Missionsziel vernachlässigt oder gar komplett ignoriert, wird schnell eine Niederlage kassieren – die meisten Punkte gibt es nämlich für das Erfüllen der Aufgabe.

Deshalb ist es wichtig, zusammen anzugreifen und als Team sich auf strategische Punkte zu konzentrieren und dann entweder durch schiere Überzahl oder taktisch kluges Spiel, den Gegner zu überwältigen und das Missionsziel für sich zu beanspruchen. Eine Mini-Map zeigt euch immer den aktuellen Standort eurer Kameraden und Gegner im Sichtfeld eures Teams, sowie die Missionsobjekte an.

Wer sich alleine an ein Missionsobjekt stellt, zieht oft das komplette gegnerische Team auf sich. Wenn dann der untote Niđhöggr und mit seiner E-Gitarre auftaucht, von Zero Cool, der in seinem Gaming-Stuhl umherdüst, geheilt wird, und einen mit der Gitarre ordentlich vermöbelt oder mit seinen Black-Metal-Riffs bewegungsunfähig macht, beißt man schnell ins Gras. Umso mehr freut man sich, wenn Buttercup, ein auf an ihrem Körper montierten Motorradrädern fahrender Koloss, den Gegner mit einer Kette zu sich zieht, dann selbst ordentlich Dresche verteilt und einen dadurch eine Atempause verschafft.

Jeder Charakter kommt mit seinen eigenen Fähigkeiten daher, die sich durch freischaltbare Modifikationen, von denen jeder Charakter drei aktiviert haben kann, noch verändern lassen. So kann man die Charaktere seinen Spielstil entsprechend anpassen, während man z.B. in Overwatch eher den Charakter entsprechend des bevorzugten Spielstils wählt. Natürlich bleibt man auch in Bleeding Edge überwiegend in seiner Rolle als Tank oder Damage-Dealer, hat dennoch etwas mehr Spielraum, wenn man z.B. als Tank ein paar Gesundheitspunkte zugunsten eines etwas höheren Schadens opfert. Dadurch wird das eigene Spiel etwas dynamischer, vor allem wenn der Gegner ebenfalls von der üblichen Rolle abweicht.

Was soweit in der Theorie gut klingt und in der Praxis wirklich Spaß macht, hat jedoch einen Haken, der uns auch etwas über den aktuellen Zustand der Multiplayer-Landschaft verrät. Zum einen sieht ein Match in Bleeding Edge nach zehn Minuten genauso aus wie nach einer. Das ist zwar auch bei Call of Duty der Fall, wo letztendlich nur Punkte steigen. Aber Call of Duty bringt immerhin mindestens ein Dutzend Spielmodi und Karten mit, um so für Abwechslung zu sorgen.

Spiele wie Battlefield oder BR-Spiele, ändern sich ständig: Fronten verschieben, Karten verändern sich. In BR-Spielen treibt der kleiner werdende Ring die Spieler zusammen und lässt sie von A nach B und über C rotieren. Dazu kommt der Nervenkitzel, zu überleben, und es nach jeder Runde noch einmal zu probieren, um einen höheren Rang zu erreichen. Zufällig generiertes Loot, mit dem man seinen Charakter für die laufende Runde verbessert, gestaltet die Sache noch interessanter.

Und mittlerweile setzen alle s.g. “Games as a Service”-Spiele (kurz: GaaS) auf s.g. Battle Passes und spezielle Herausforderungen, die euch nicht mehr aus dem Karussell lassen. Die s.g. “Fear of Missing Out”, also die Angst, etwas zu verpassen, greift vor allem bei saisonalen Events und einzigartigen In-Game-Gegenständen, die nur in einen bestimmten Zeitraum und unter ständigem Spielen zu bekommen sind. Bleeding Edge bietet all das nicht, läuft quasi nicht weg.

Nur fragt man sich dann, warum man anstatt an seinem Battle Pass in Rocket League, CoD, Apex Legends und Konsorten, an Bleeding Edge „arbeiten“ sollte? Die Lösung wäre aus dem Karussell auszusteigen. Nun ist es aber nicht so, dass andere Spielen keine anderen Qualitäten hätten und man nur wegen ausgeklügelter, psychologischer Kniffe bei anderen Spielen bleibt. Und genau dort, muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er von Bleeding Edge abgeholt wird und ob das, was es bietet, einen genügt.

Dauerbesitzer des Xbox Game Pass (auch auf dem PC verfügbar) haben nichts zu verlieren und sollten dem Spiel, was übrigens Cross-Play zwischen PC und Xbox unterstützt, eine Chance geben. Vor allem mit Freunden macht die Klopperei zumindest kurzweilig sehr viel Spaß.

Bleeding Edge ist über Steam und den Microsoft Store für 29,99 EUR erhältlich, oder im Xbox Game Pass für momentan 3,99 EUR/Monat.

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